Es ist 2:39 Uhr morgens in London, 3:39 Uhr in Paris und Frankfurt. Die europäischen Märkte schlafen noch, aber in ein paar Stunden werden sie in einer Welt öffnen, in der die geopolitischen Gewissheiten der USA schneller bröckeln als die Kurse des Nasdaq am Ende eines Zyklus. Nicholas Burns, ehemaliger US-Botschafter in China, hat gerade eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen: "Die Beziehungen Amerikas zu seinen Verbündeten bleiben sein größter Wettbewerbsvorteil gegenüber China."
Das Problem? Diese Aussage, die von Bloomberg berichtet wird, klingt eher wie das Eingeständnis einer Schwäche als die Bekräftigung einer Stärke.
Die Illusion der automatischen Allianz
Burns spricht von Allianzen als einem dauerhaften Gut, einem geopolitischen Kapital, das sich wie von Zauberhand erneuert. Das ist genau die Art von magischem Denken, die den Westen in die gegenwärtige Sackgasse geführt hat. Während der ehemalige Diplomat die "Wettbewerbsvorteile" der USA aufzählt, erzählen die wirtschaftlichen Fakten eine andere Geschichte.
Schauen wir uns die Zahlen an, die wirklich zählen: Wenn die asiatischen Märkte am Montagmorgen öffnen — Shanghai um 9:30 Uhr Ortszeit, Tokio um 9:00 Uhr — werden sie in einer Welt handeln, in der China der größte Handelspartner von mehr als 120 Ländern geworden ist. Nicht die USA. China.
Der Iran, den Burns im Kontext der "globalen Herausforderungen" erwähnt, veranschaulicht diese Realität perfekt. Trotz jahrzehntelanger US-Sanktionen hat Teheran alternative Wirtschaftsnetzwerke mit China und Russland entwickelt. Das iranische Öl fließt weiterhin, der Handel floriert, und die "Verbündeten" der USA in Europa kaufen heimlich russisches Gas über Zwischenhändler.
Die Geöonomie gegen die Geopolitik
Was Burns nicht sagt — oder nicht sehen will — ist, dass die Allianzen des 21. Jahrhunderts nicht mehr auf militärischen Verträgen oder Freundschaftserklärungen basieren. Sie werden in den Handelsräumen, den Energieverträgen und den Lieferketten geschmiedet.
Wenn Abu Dhabi seine Märkte um 10:00 Uhr Ortszeit öffnet, handelt die Vereinigten Arabischen Emirate sowohl mit Peking als auch mit Washington. Wenn London seine Transaktionen um 8:00 Uhr GMT startet, finanziert die City sowohl chinesische als auch amerikanische Projekte. Diese wirtschaftliche Realität macht die traditionelle Rhetorik über geopolitische "Blöcke" obsolet.
Die Ukraine ist das grausamste Beispiel dafür. Europa entdeckt, dass es Kiew politisch unterstützen kann, während es gleichzeitig energetisch von Moskau abhängig bleibt. Die Sanktionen haben einen Parallelmarkt geschaffen, in dem Zwischenhändler sich bereichern, aber die globalen wirtschaftlichen Ströme nicht grundlegend verändert.
Der Diagnosefehler
Burns begeht den klassischen Fehler des amerikanischen Establishments: er verwechselt Korrelation und Kausalität. Ja, die USA haben Verbündete. Nein, diese Allianzen stellen nicht automatisch einen "Wettbewerbsvorteil" gegenüber China dar.
Die Realität ist brutaler: Diese Verbündeten sind auch wirtschaftliche Konkurrenten. Deutschland verkauft seine Werkzeugmaschinen an China. Frankreich exportiert seinen Luxus nach Asien. Das Vereinigte Königreich zieht chinesisches Kapital in seine Finanzwelt an. Jeder spielt seine eigene Melodie in einem Konzert, in dem Washington nicht mehr der einzige Dirigent ist.
Noch schlimmer, diese Allianzstrategie offenbart eine strukturelle Schwäche der USA: die Unfähigkeit, eine internationale Beziehung zu konzipieren, die nicht hierarchisch ist. Während Burns von "Wettbewerbsvorteilen" spricht, bietet China "Win-Win-Partnerschaften" an — eine hohle Formel, zugegeben, aber eine, die bei Ländern, die es leid sind, die zweite Geige zu spielen, besser ankommt.
Die Märkte lügen nicht
Die Börsenzeiten offenbaren diese neue geoökonomische Realität. Wenn New York um 16:00 Uhr schließt, übernimmt Shanghai. Wenn Europa schläft, handelt Asien. Diese zeitliche Kontinuität des globalen Handels veranschaulicht eine Wahrheit, die Diplomaten schwer akzeptieren können: Die wirtschaftliche Macht kennt keine Grenzen und keine Zeitzonen.
Institutionelle Investoren haben das schon lange verstanden. Sie diversifizieren ihre Portfolios geografisch, nicht aus geopolitischer Überzeugung, sondern aus finanziellem Pragmatismus. Ein europäischer Staatsfonds investiert in China, nicht aus Liebe zur Kommunistischen Partei, sondern weil die Renditen dort höher sind.
Die strategische Sackgasse
Die Aussage von Burns offenbart vor allem die intellektuelle Sackgasse der amerikanischen Außenpolitik. Angesichts des chinesischen Aufstiegs hat Washington keine andere Antwort gefunden, als die Reflexe des Kalten Krieges wiederzubeleben: Blöcke zu bilden, rote Linien zu ziehen, seine Verbündeten zu zählen.
Dieser Ansatz ignoriert eine grundlegende Tatsache: Die weltweite wirtschaftliche Interdependenz macht die Bildung geschlossener Blöcke unmöglich. Selbst inmitten des "Handelskriegs" zwischen den USA und China erreichen die bilateralen Handelsbeziehungen Rekordhöhen. US-Unternehmen investieren weiterhin in China und umgekehrt.
Der Iran, Russland, die Ukraine sind nur Symptome eines tiefer liegenden Problems: die Unzulänglichkeit der diplomatischen Werkzeuge des 20. Jahrhunderts im Angesicht der wirtschaftlichen Realitäten des 21. Jahrhunderts. Während Burns über Allianzen theoretisiert, zeichnen die finanziellen Ströme stillschweigend die Karte der globalen Macht neu.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Amerika seine Verbündeten behält, sondern ob diese Allianzen in einer Welt, in der die Wirtschaft über der Ideologie steht, noch Sinn machen. Die Märkte haben bereits entschieden.
